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the dirt road project release

"Poste restante" von sandra maus

„Heute vor zweiundvierzig Jahren hat alles seinen Anfang genommen.
Nein, eigentlich begann es schon früher, und diese ersten Monate
waren es, die uns geprägt und unsere Unzertrennlichkeit vielleicht mehr als alles andere gefördert haben. Auch wenn die Erinnerung daran tief in uns verborgen und mit dem Gedächtnis nicht zu erreichen ist.
Wir haben es uns nicht ausgesucht, uns den engen Raum zu teilen.
Gab es einen Weg zur Verständigung? Oder warst schon damals du der Tonangebende, welcher sich eben einfach zuerst bewegte, der die Richtung festlegte, und ich jener, der folgte? Der folgen musste, weil es ja keinen Platz gab auszuweichen. Wie früh hat es begonnen, dass du agiertest und ich reagierte? Und warum? Was gab den Ausschlag zu dieser allerersten, bestimmenden Bewegung? Die sicherlich ganz klein nur war, rückblickend aber von so großer Bedeutung, wurde doch damit im Grunde alles Wesentliche festgelegt.
Wenn wir also genetisch gleich ausgestattet wurden, was löste diese erste unabhängige Handlung deinerseits aus?
Vielleicht ist es dumm oder albern, mich damit zu befassen, aber tatsächlich denke ich oft darüber nach, denn ich bin überzeugt, dass dort der Ursprung liegt für alles, was danach geschah.
Du fehlst mir sehr, mein Bruder, ganz besonders natürlich heute, an „unserem“ Tag. Den wir so viele Jahre gemeinsam verbracht haben.
Wo bist du? Was machst du? Mit welchen Leuten bist du zusammen? Oder bist du allein?
Wie so oft sitze ich am See, nachdem ich einen langen Spaziergang durch den Wald unternommen habe. Christine wollte mich begleiten, aber ich habe abgelehnt. Ich wollte meinen Gedanken nachhängen, nicht gestört werden durch ihre Schritte neben mir, selbst wenn sie kein Wort gesprochen hätte.
Kann ich eine Verbindung zu dir aufbauen? Man sagt ja, dass eineiige Zwillinge, selbst wenn eine große räumliche Distanz sie trennt, oftmals ähnlich fühlen, dass sie Schmerzen empfinden, wenn der andere leidet.
Hast du etwas gespürt, als ich mir vergangenen Winter beim Skifahren das Bein brach?
Und was ist mit diesem Stechen, das ich manchmal in der Rippengegend habe? Hat das mit dir zu tun?
Ich denke daran, wie du geschrieen hast, als ich damals jenen Unfall hatte. Du wolltest nicht von meinem Bett weichen, sodass man dich geradezu fortzerren musste.
Meine Güte, wie viel Zeit seither vergangen ist. Was doch alles inzwischen geschehen ist. Ach, könnte man manches nur rückgängig machen.
Vielleicht wärest du dann noch hier, vielleicht würden wir heute zusammen feiern. Hätten den Spaziergang durch den Wald gemeinsam unternommen und würden nun auf der Bank sitzen, in dieselbe Richtung auf das Wasser schauen, schweigend die Enten beobachten, die sanften Wellen und die Wolken, bis sich der Blick irgendwo am Horizont verlöre.
Wie früher. Immer sind wir zur gleichen Zeit aus der Versunkenheit wieder aufgetaucht. Aber jedes Mal warst du derjenige, der zuerst, einen winzigen Moment zuerst, das Schweigen brach.
An dem heutigen Tag lasse ich es zu, dass viele der gemeinsamen Erlebnisse aus den Tiefen meiner Erinnerung an die Oberfläche treiben. Auch wenn es mich wehmütig stimmt, heute wehre ich mich nicht dagegen.
Bildern in einem Fotoalbum gleich betrachte ich sie zunächst von außen, dann durchlebe ich sie noch einmal.
Unseren ersten Schultag zum Beispiel. Die gefüllten Schultüten im Arm traten wir gemeinsam durch das Schultor, aufgeregt, neugierig und ein bisschen ehrfürchtig. Mama hatte uns in himmelblaue Latzhosen gesteckt, dazu dir ein oranges T-Shirt ausgesucht und mir ein grünes, die Gute wollte es dem Lehrer leichter machen.
Wir hielten uns an den Händen, bis man uns im Klassenraum trennte, denn wir sollten nicht nebeneinander sitzen. Ich habe geweint, und du wolltest mich trösten. Dann sagte Thomas, der grässliche, gemeine Thomas „Memme“ und „Weichei“ zu mir, und du hautest ihm eine runter. Und bekamst so deinen ersten Klassenbucheintrag, noch bevor wir wussten, was ein Klassenbuch überhaupt war.
Natürlich haben auch wir, wie vermutlich alle eineiigen Zwillinge, unsere äußere Gleichheit ausgenutzt und unser Umfeld mit Verwechslungen verwirrt. Mamas guter Wille wurde durch rasche Umkleideaktionen auf der Toilette für unsere Zwecke umgepolt. Wenn ich daran denke, wie wir mit dem armen Herrn Wieland umgesprungen sind, unserem nervlich zerrütteten Erdkundelehrer. Damals fanden wir es in unserer unbekümmerten Gedankenlosigkeit einfach nur ungemein lustig, unsere Späße mit ihm zu treiben, bis ihm die Schweißperlen auf der purpurglänzenden Stirn standen. Manchmal fühlte ich, dass wir zu weit gingen. Ich versuchte dich zu bremsen, doch du wolltest nichts davon wissen. Kein Wunder, dass wir im Lehrerzimmer als „die unerträglichen Schröder-Bengel“ galten.
Die Tanzstunden fallen mir ein, in denen du dich trautest, die hübsche Clara aufzufordern, die uns beiden gefiel. Clara mit ihren langen, haselnussbraunen Haaren, die ihr zartes Gesichtchen in weichen Wellen umrahmten und auf ihr Streublumenkleid hinunter flossen. Wie habe ich dich damals um deinen Mut beneidet.
Die Erinnerungen beschleunigen sich, einzelne Bilder bleiben kurz haften, längere Zeitstränge rauschen unbeachtet vorüber.
Meine Hochzeit mit Christine, du als Trauzeuge, natürlich, wer sonst. Dein Anzug war leicht zerknittert, deine Fliege saß schief, und du warst durch und durch ernsthaft, hattest Tränen in den Augen, als wir vor dem Altar standen.
Interessant, dass ich dir in diesem Punkt voraus war. Hast du inzwischen einer Frau das Jawort gegeben?
Unser erstes Kind... und du als stolzester Onkel der Welt, den Kleinen in den Armen haltend, staunend und überwältigt ob diesem Wunder der Natur.
Ich wünschte, du könntest Nikolas heute sehen, du würdest deine Freude haben an diesem aufgeweckten, wachen Kerlchen. Miriam, unsere Tochter hast du ja leider nicht mehr kennen gelernt.
Damit bin ich bei unserem dunklen Kapitel angelangt. Auch wenn ich mich dagegen sträube, heute lasse ich die Gedanken daran zu.
Natürlich hat jede Familie ihre Schattenseiten. Über die zu sprechen man vermeidet. Und das gar nicht mal aus Scham. Sondern einfach, weil der Schmerz zu groß ist.
Verstehe mich nicht falsch, ich habe dich damals nicht verurteilt und tue es auch heute nicht. Du bist mein Bruder. Umso qualvoller, dich nicht mehr in meinem Leben zu haben.
Wie gern würde ich dir gegenüberstehen, dir ins so vertraute Antlitz blicken, in deinen Zügen die verwehten Jahre lesen, die du entfernt von mir verbrachtest.
Egal was war, du bist es, der für mich zählt, nicht die Vergangenheit, nicht deine Fehler.
Und dennoch frage ich mich so oft: Warum hast du geschossen? Niemals hättest du kaltblütig einen Mord geplant, dessen bin ich mir sicher, wie man es nur als genetisches Abbild sein kann. Es muss sich um eine Affekttat gehandelt haben, vielleicht gar um ein Unglück. Du konntest Ungerechtigkeiten nicht ertragen, reagiertest zornig und wild, stets bemüht, Schwächere zu verteidigen und zu schützen. Ließ dich diese Tugend stolpern?
Als die Polizisten vor der Tür unserer Eltern standen, war ich zufälligerweise zu Besuch. Satzfetzen wie „ ... hat er mehrmals abgedrückt...“ und „ ...wurde ein Kollege tödlich getroffen...“ drangen an mein Ohr, ich stürzte förmlich die Treppe hinunter, stand wortlos hinter unseren Eltern, in meinem Kopf eine abgrundtiefe Leere und in meinem Herzen ein „Es kann nicht sein!“
Beinahe wären unsere komödiantischen Verwechslungsspiele der Kindheit und Jugend an dieser Stelle in meiner Verhaftung kulminiert. Der Irrtum ließ sich rasch aufklären, nicht jedoch dein Verschwinden. Wochenlang traktierten mich die Beamten in endlosen Kreuzverhören. Sie gaben die Hoffnung nicht auf, dass ich mich eines Tages in Widersprüchen verfangen und einen Hinweis auf dein Versteck preisgeben würde. Während ich dagegen nicht aufhörte, einen irrationalen, an naive Kinderwünsche grenzenden Glauben zu nähren, alles würde doch noch irgendwie gut werden. Welch fataler Irrtum.
Ich bin dir so dankbar, dass du mich, bei allem, was wir geteilt haben, von diesen Dingen fern gehalten hast, dass du mir das Mitwissen verweigertest, auch wenn ich dich immer wieder nach deinen Geschäften und Unternehmungen fragte.
Manchmal hatte dein „Nicht deine Angelegenheit!“ richtiggehend schroff geklungen, ich war enttäuscht und auch ein bisschen verletzt gewesen, dass du mich zum ersten Mal ausgeschlossen hattest. Erst jetzt begriff ich deine Weitsicht.
Was, wenn jener Tag anders verlaufen wäre, wenn es den folgenschweren Moment nicht gegeben hätte, der fortan dein Leben überschatten sollte und nicht nur deines.
Würden wir heute an einer langen Tafel zusammen unseren Tag feiern? Vielleicht hättest du eine eigene Familie, und es wäre ein großes Fest mit Kindern, die durch das Haus toben.
Aber war es wirklich dieser eine Augenblick, der die Entscheidung brachte? Oder war es nicht doch die logische Konsequenz einer Kette von Ereignissen und Entwicklungen? Die vielleicht tatsächlich ihren Anfang nahm in dem Moment, als du zum ersten Mal agiertest? Damals, im Bauch unserer Mutter, vor mehr als zweiundvierzig Jahren. Lassen sich Ursache und Wirkung bis dorthin zurückverfolgen?
Ich möchte diesen Brief abschicken, möchte, dass er zu dir gelangt, anders als jene, die zuhause in einer kleinen Kiste ruhen, jedes Jahr an diesem Datum kam einer hinzu.
Wo immer du auch sein magst, ich werde einen Weg finden, dich zu erreichen. Denn das ist seit Jahren mein einziger Geburtstagswunsch. Ein Wunsch, der auch jedes Mal ungefragt in mir auflodert, wenn ich in einer fremden Stadt eine Kirche betrete und dort, obwohl sonst nicht religiös verwurzelt, eine Kerze anzünde. Ein Wunsch, der eine Dimension erlangt hat, sich mit einer solchen Kraft vor alles andere schiebt, dass er unbedingte Erfüllung einfordert.“

Nachdenklich lege ich den Stift beiseite und lese den Brief noch einmal durch. Dann falte ich ihn zusammen, stecke ihn in ein Kuvert und klebe es zu.
Morgen werde ich mich auf den Weg machen. Christine weiß noch nichts davon, bis gerade eben war ich selbst nicht sicher. Aber jetzt, in diesem Moment, hier auf der Bank, den Blick auf den See gerichtet, dessen Ruhe sich immer mehr auf mich überträgt, bin ich mit einem Mal überzeugt davon, dass ich diese Reise antreten muss. Auf meine innere Stimme hörend und darauf vertrauend, dass sie mich zu dir führen wird. Ich bin überrascht, mit welch großer Klarheit sich nun alles vor mir ausbreitet.
Noch einige Minuten lang genieße ich die Ruhe am See, beobachte die graublauen Wolken, die träge am nachmittäglichen Himmel dahinschweben.
Wer weiß, wie lange es dauern wird, bis ich erneut auf dieser Bank sitzen werde.
Ich präge mir alles genau ein. Das Schilfgras am Ufer, das jeden feinen Lufthauch in stillen Tanz verwandelt. Die schnatternden Enten, die bald Familien gründen, deren Küken ich in diesem Jahr nicht sehen werde. Das Wasser, das mal reglos daliegt, als würde die Natur den Atem anhalten, mal aufgewühlt ans Land klatscht wie eine aufgebrachte Seele.

"You lose your grip, and then you slip Into the Masterpiece"

Leonard Cohen

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